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Alle Techniken, die hier angeboten werden, stammen aus dem Schauspielsystem, dessen zentraler Aspekt ein Ereignis ist. Es mag für Schauspieler*innen zunächst fremd erscheinen, da sie sich normalerweise mit Gefühlen und Charakteren beschäftigen, aber wenn man das Prinzip des Systems versteht, wird der Weg zu den gesuchten Gefühlen und Charakteren kürzer und einfacher. Die Techniken, die man bereits beherrscht, sowie jene, die man noch erlernen möchte, erhalten eine klare und übersichtliche Struktur. So wird man in seiner Kunst freier und bewusster.
Es ist nun notwendig, die Erläuterungen zu geben, was das besagte Ereignis ist und warum es so wichtig ist. Ich beginne mit einigen Zitaten aus dem Buch „Schauspiel: Ein Grundriss“ und werde nach und nach weitere Texte über Schauspieltechniken einfügen.
Aus dem Buch "Schauspiel: Ein Grundriss".
... Das Einzige, was Spannung in eine Geschichte bringt, ist ein Ereignis, und beinahe das einzige, was die Spannung bei Vorstellung aufrechterhalten kann, ist ein Schauspieler. Fügt man beide Teile zusammen, bekommt man eine einfache Formel: Ein Schauspieler muss Ereignisse kreieren. Um das zu verdeutlichen, muss ich erst erklären, was ich mit Ereignis meine.
Das Ereignis hat zwei Seiten: Eine Tatsache und deren Bewertung, sprich, wie wichtig dieses für uns ist und wie wir mit der Tatsache umgehen wollen. Als Beispiel nehme ich eine für mich faszinierende Beobachtung. Ein kleines Kind läuft noch unsicher auf den Beinen, stolpert und fällt. Dann hält es inne und schaut die Eltern an. Wenn sie kein Anzeichen von Schreck oder Sorge zeigen oder sogar das Kind ermuntern: „Oh, ist doch nichts Schlimmes…“, steht das Kind auf und läuft weiter. Wenn aber die Eltern den Sturz als gefährlich einstufen, gar schreien, beginnt das Kind zu weinen und vergräbt sich zum Trost in Mamas oder Papas Umarmung. Die Bewertung dieses Zwischenfalls hat für das Kind aus dem Geschehenen zwei völlig unterschiedliche Ereignisse gemacht. Wäre das auf der Bühne geschehen, wären es sogar zwei Genres: Drama und Komödie. Das heißt, die Bedeutung, die ein Mensch dem Geschehenen verleiht, macht für diesen Menschen das konkrete Ereignis aus. Es ist eine gute Nachricht für unsere Zunft: Schließlich kann man aus jeder aufgetretenen oder wahrgenommenen Sache ein Ereignis formen. Aber wie?
Bleiben wir bei dem Beispiel mit dem Kind und betrachten dieses Phänomen näher. Stellen wir uns vor, das Kind war beim Hinfallen ein Stück von seinen Eltern entfernt und in diesem Moment kamen zwei Passanten vorbei. Beide sehen das Kind. Einer hilft dem Kind auf die Beine, schaut, ob es unverletzt ist und sucht nach dessen Eltern. Der Andere geht weiter. Für den Ersten war das ein Geschehnis, er hat an diesem Tag etwas erlebt und hat am Abend etwas zu erzählen, für den Zweiten ist dagegen gar nichts passiert. Das Entscheidende daran: Der erste Passant unterbrach seine gegenwärtige Beschäftigung, stellte sein Vorhaben zumindest kurz auf Pause und entschloss sich, etwas anderes zu tun. Ein Ereignis muss also solche Umstände mit sich bringen, die die Beteiligten aufgrund ihrer Wichtigkeit und Größe dazu zwingen, die aktuelle Situation neu zu definieren, sich dieser neuen Situation anzupassen und eine entsprechende Strategie zu finden. Ein Ereignis stoppt den gewohnten Tagesablauf oder in Bezug auf die darstellende Kunst, die Handlung. Das hat fürs Schauspiel einige weitreichende Folgen...
Wenn im Spiel ein Ereignis entsteht, wirkt es sich auf seinen Schöpfer genauso aus, wie auf alle anderen Beteiligten samt Publikum, es ruft Gefühle hervor. Im selben Moment spüren alle: „Es ist etwas geschehen, die Situation hat sich verändert“... Hier sei noch zu erwähnen, dass keine Handlungsimitation zu einem Ereignis führt, sondern nur echte Aktion. Das Ereignis zu imitieren, vorzutäuschen, funktioniert nicht. Wenn sich eine Szene beim Schauspiel nicht gut anfühlt, weiß man sofort, was genau fehlt.